Die Welt ist in Aufruhr – VW hat belogen und betrogen und bei den Abgaswerten geschummelt. Wirtschaft, Umweltschützer und natürlich auch Politiker stürzen sich wie die Geier auf diesen handfesten Skandal und wittern ihre Profilierungschance.

Aber halt – was genau steckt denn hinter den Vorwürfen und wie schlimm ist es denn wirklich?

„Dax-Papst“ Dirk Müller hat in einem sehr eindrucksvollen Statement diese ganze Schlammschlacht deutlich relativiert:

Offenkundig hat Volkswagen geschönte Abgaswerte angegeben. An dieser Stelle ist es völlig unstrittig, dass dies intolerabel ist und Konsequenzen haben muss. Aber es sei noch einmal betont, dass wir über geschönte Abgaswerte reden und nicht etwa über funktionslose Airbags, versagende Bremssysteme, über die die Fahrer nicht rechtzeitig informiert wurden, oder wissentlich defekte Zündschlösser, die zu zahlreichen Todesfällen geführt haben. So der Fall bei anderen Autoherstellern. Es geht lediglich um geschönte Abgaswerte.
(Quelle: n-tv „Mr. Dax: Volkswagen-Skandal ist gar keiner)

 

Und genau das ist der Punkt. Es ist niemand gestorben, es wurde niemand verletzt, es wurde niemand in Gefahr gebracht. Und trotzdem wird getan, als ob VW von nun an das personifizierte Böse sein, was in Form seines Ex-Chefs Winterkorn alles manipuliert.

Ich habe mich zuerst einmal gefragt, was denn genau hinter dieser Manipulation steckt.

VW hat eine Software verbaut, die erkennt, wann das Auto auf dem Abgasprüfstand steht, um dann den Motor besonders schadstoffarm einzustellen. Mal davon abgesehen, dass es bemerkenswert ist, dass so etwas funktioniert und auch mal abgesehen von der Frage, warum dass nicht flächendeckend und in jedem Betriebszustand eingesetzt wird (aber ich bin auch kein Auto-Experte), ist das natürlich Betrug. Autos kommen durch die Untersuchung, durch die sie vielleicht vorher nicht gekommen wären? Oder? Oder geht es tatsächlich um die im Normalzustand höhere Luftverschmutzung und um wie viel höher ist sie denn dadurch tatsächlich? Ich weiß es nicht, denn ich habe dazu noch keine Quellen gefunden.

Aber zurück zum wesentlichen – zum Aufschrei in der Welt und im Netz.

Schauen wir uns den eigens dafür ins Leben gerufenen Hashtag #Dieselgate einmal an. Der wurde in den letzten 4 Tagen immerhin schon 5.200mal auf Twitter verwendet.

Dieselgate Topsy
Quelle: topsy.com

Trotz Papstbesuch in Washington und American Football hat es der „Volkswagen Recall“ auch in die Google Trends in den USA geschafft, wenn auch nicht an die Spitze.

Google Trends
Quelle: Google Trends

Aber das Suchvolumen zu Volkwagen hat in den letzten Tagen einen sprunghaften Schub bekommen, wobei neben den Anfragen zu konkreten Modellen offensichtlich eher die Sorge um den Aktienkurs die Suchenden beflügelt.

Google Suchanfragen
Quelle: Google Trends

In Deutschland ist die Welt allerdings noch im Gleichgewicht, denn bei uns bekommt das Oktoberfest deutlich mehr Aufmerksamkeit als VW.

Oktoberfest - Volkswagen
Quelle: Google Trends

Woher kommt als das große mediale Echo und das politische Engagement in allen Ebenen?

Ein paar Vermutungen – nicht faktenbasiert:

  1. Man hat endlich ein anderes Thema und kann von den eigentlichen Problemzonen Flüchtlingspolitik, TTIP, CETA, NSA etc. ablenken
  2. Man kann sich in Sachen Umweltpolitik wieder etwas profilieren, nachdem zuletzt die Reputation zu dem Thema doch deutlich gesunken ist
  3. Man kann sich gemeinsam mit seinem Verbündeten, den USA, gegen einen neuen Übeltäter wenden, auch wenn der dummerweise gerade aus dem eigenen Land kommt

Dirk Müller trifft es in seinem Artikel auf den Punkt:

Aber ist es nicht ein bemerkenswerter Zufall, dass dieses Thema just an jenem Tag in den USA hochkommt, an dem VW dort seinen lang erwarteten neuen Passat vorstellt, das Fahrzeug, dass in den nächsten Jahren den Heimatmarkt von GM und Ford aufwirbeln sollte? Man scheint diese zweifellos unschöne Situation zumindest nun brutalst möglich ausnutzen zu wollen. Ein frontaler Angriff auf die bisher übermächtige deutsche Automobilindustrie, das Herz der deutschen Wirtschaft, ist die Folge. Und was machen wir? Wir spielen dieses Spiel mit Begeisterung mit.
(Quelle: n-tv „Mr. Dax: Volkswagen-Skandal ist gar keiner)

 

Die Wettbewerber werden hier schön im Hintergrund mitmischen, haben sie doch selbst wahrscheinlich genügend eigene Leichen im Keller liegen, von denen besser niemand wissen sollte. Da ist es besser, sich auf einen Konkurrenten einzuschießen, damit ja keiner auf die Idee kommt, in der eigenen Wohnung mal nachzuschauen.

Besonders bemerkenswerte Rückrufaktionen der Autobauer in den letzten Jahren

 

General Motors:

  • Anfang 2014 > defekte Zündschlösser > mind. 124 Tote > 900 Mio. Schadenersatz
  • Mitte 2015 > defekte Heckklappe > 56 Menschen verletzt

Takata: Mitte 2015 > explodierende Airbags > Zulieferer für Millionen Autos weltweit > 6 Tote

Toyota: Mitte 2009 > klemmende Fußmatten > mind. 1 Toter

Dass GM die Statistik der Rückrufquoten 2014 weltweit anführte, ist irgendwie nicht verwunderlich (Statista: Rückrufquoten ausgewählter Automobilhersteller in den USA im Jahr 2014)

Übrigens, die Amerikaner liegen beim Klimaschutz weit hinter den Deutschen, setzen jetzt aber ganz auf strenge Regeln und erhobenem Zeigefinger- auch ein erstaunlicher, wenngleich wenig überraschender Fakt. (Quelle: Klimaschutz-Index 2015 von germanwatch.org)

KSI2015
Quelle: germanwatch.org

 

Fazit: Ein Skandal, der eigentlich keiner ist, sondern eher eine faustdicke Dummheit eines Autobauers.

 

 

Dieselgate – Volkswagen auf dem Hundeplatz, während sich andere Hersteller die Hände reiben

Jan Pötzscher


Speaker, Blogger, Dozent / Social Media Nerd seit 2006 / Experte für Online Marketing, SEO und Social PR


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